Donnerstag, 28. Juni 2012

Ein Tag und eine Nacht bei den Maasai

Begrüßung mit Gesang und Tanz im Maasai-Dorf.
Gleich mal eine kleine Warnung. Das könnte heute mal wieder etwas länger werden. Es war aber auch spannend, interessant, überraschend, einzigartig, unvergesslich. Was? Ach so. Unser Besuch im Olpopongi-Village der Maasai westlich des Kilimanjaro. Dorthin begleiteten wir Madeleines Bruder Michael und seine Freundin Karo - zwei Noch-Stadtilmer bei ihrem Familienbesuch. Auch für uns ein Stück Heimat - und dazu dann der Kontrast einer wirklich fremden Welt. Ich versuche, ein bisschen von der Faszination hier niederzuschreiben.


Kiliblick auf der Fahrt nach Olpopongi.
Die fängt schon bei der Fahrt nach Olpopongi an. Nach gut einer Dreiviertelstunde geht die Straße unvermittelt in eine Piste über. Immer tiefer dringen wir in die Steppe ein. Der Kilimanjaro, lange Tage in Wolken gehüllt, ist an unserer rechten Seite zu sehen. Dann staubt es nur noch um uns herum, wir sind irgendwo im Nirgendwo. Immer wieder schickt uns ein kleines rotes Schild an einem Abzweig nach links. Der Weg wird immer schmaler - und weitet sich dann plötzlich in eine Vielzahl von Spuren auf. Noch einmal nach links, dann sehen wir es schon. Olpopongi Maasai Cultural Village steht auf dem Schild, unter dem wir herzlich begrüßt werden.

Die Betten sind nicht so gemütlich, wie es aussieht.
Freddy und Kamani stellen sich vor, zwei Maasai, die auserwählt wurden, eine Schule zu besuchen und Fremdsprachen zu lernen. Das ist für diesen vom Nil eingewanderten Volksstamm, der heute in Tansania geschätzt 140.000 Menschen zählt, in der Tat etwas besonderes. Aber dazu später. Zunächst checken wir an der Rezeption ein, erhalten eine Stirnlampe und zwei Handtücher pro Hütte und werden in selbige geführt. Wir haben die Numer 8, Nyumbu - so heißt hier das Gnu. Auch das spielt später noch eine Rolle. In so einer traditionellen Hütte ist es ziemlich dunkel. Es gibt vier kleine Löcher, die Licht hineinlassen und für die Luftzirkulation sorgen. In jedem Fall ist es im Inneren wohl temperiert.

Die Hütte besteht aus einem Vorraum, dann, rechts um die Ecke, kommt ein Schlafraum mit einer Feuerstelle, und rechts daneben ein weiterer Schlafraum. Diese bestehen nahezu nur aus jeweils einem großen Bett, das nach traditioneller Art mit einer festen Blattunterlage und einer darauf liegenden ziemlich harten Kuhhaut bereitet ist. Als Zugeständnis an die verweichlichten Touristen gibt es für jeden eine Iso-Matte, darüber eine Decke als Dämpfung und dann Kissen und Schlafsack.

Im Museum gibt es viel zu erzählen.
Da es aber noch Vormittag ist, verschwenden wir an Schlaf keinen Gedanken, sondern folgen der Einladung ins kleine Museum. Dass wir darin gut zwei Stunden verbringen, ist angesichts der Größe nicht zu erwarten. Es ist aber so interessant, dass die Zeit, unterbrochen vom leckeren Mittagessen, wie im Flug vergeht. Kamani beginnt und erzählt uns von der Wandlung der seiner Aussage nach aus Ägypten stammenden Niloten zu den Maasai. Warum die so heißen, fragt er uns. Nun, gibt er schließlich selbst die Antwort, "unsere Sprache, Maa genannt, enthält so viele Wörter mit Maa, dass offensichtlich irgendwann jemand sagte, nennen wir die Leute doch einfach Maasai". Ich glaube ja, ganz so einfach wird es nicht sein, aber es ist zumindest eine schöne Erklärung. Ebenso wie die, dass das Gnu deshalb Gnu heißt, weil das das Geräusch sei, das es häufig von sich gebe. Ach so - und der berühmte Ngorongoro-Krater heiße deshalb so, weil Ngorongoro die Lautumschreibung des Geräusches sei, das die Rinderglocken von sich geben. Naja, wir werden nächste Woche mal darauf achten.

Wir erfahren viel über die Vergangenheit der Maasai, was bedeutet, dass wir auch viel über ihr gegenwärtiges Leben erzählt bekommen. Denn das unterscheidet sich in weiten Teilen nicht von dem der letzten Jahrhunderte. Aus den Nomaden sind Halbnomaden geworden, das heißt, dass die kleinen Kinder, die Frauen und die Alten nicht mehr wandern. Die Krieger hingegen sehr wohl, denn sie sind, zusammen mit den größeren Jungen, für das Vieh verantwortlich. Das bedeutet, wenn in ihrer Heimat große Trockenheit herrscht, machen sie sich mit dem Vieh, sprich Kühen, Schafen und Ziegen, auf die Reise zu besseren Weidegründen. Im vergangenen Jahr waren sie so vier Monate in Kenia.

Kühe, Krieger und Hütejunge - ein alltägliches Bild.
Die Männer bei den Maasai kümmern sich um alles, was sich außerhalb ihrer Boma genannten Dörfer abspielt. Diese sind zumeist von Dornenhecken umgeben und beinhaltenen noch einmal einen inneren, umzäunten Bereich, in dem die Herdentiere nachts vor wilden Tieren geschützt sind. Die größeren Jungen, wie Kamani erzählt so etwa ab acht Jahren, hüten das Vieh. Die Krieger haben große Freiheiten, ihre Aufgabe ist es, die Herden und die Boma gegen wilde Tiere zu verteidigen. Maasai leben polygam. Freddy zum Beispiel hat bereits jetzt vier Frauen, möchte so sechs bis acht haben, "und am liebsten über 100 Kinder". Sein Vater hatte 14 Frauen und 91 Kinder.

Dabei ist aber zu beachten, dass man nicht nur für die Familie sorgen können muss, man muss sich die Frauen erst einmal leisten können. Bis zu 30 Rinder müssen für eine Frau bezahlt werden. Die werden übrigens so lange von den Eltern ausgesucht, bis die Söhne das 35. Lebensjahr erreicht haben. Erst dann dürfen Maasai auch rauchen oder das zu Festivitiäten gebraute Aloe-Vera-Bier trinken, erklärt Kamani. Eine Ausnahme gebe es allerdings, berichtet Freddy. Wenn wie erst wenige Tage vor unserem Besuch Löwen Tiere einer Maasai-Herde reißen, dürfen die Maasai , die grundsätzlich keine Jäger sind, sich verteidigen. Sprich, die betreffenden Löwen töten, denn wissen die erst einmal, wie einfach das ist, fallen sie immer wieder über die Herden her. Und wer dann mit seinem Speer der Erste ist, der den Löwen trifft, der darf sich ohne Rinder-Gabe eine Frau aussuchen.

Die Frauen bauen bei den Maasai die Häuser.
Die Frauen organisieren das Leben im Kral. Sie erziehen die Kinder, sie melken morgens und abends die Tiere, sind tagsüber dafür verantwortlich, das Wasser für die Tiere heranzuholen, was meist mit Eseln geschieht, aber auch noch mit großen Gefäßen auf dem Kopf. Dafür legen die Frauen oft viele Kilometer zurück. Zu ihren Aufgaben gehört auch der Bau der Häuser. Die bestehen aus einem Holzgeflecht, das mit einer Mischung aus Termiten-Lehm, Kuhmist und Wasser verkleidet wird. Die Balken für das Dach werden durch die Männer aufwendig aus dem Olpopongi-Baum, dem Namensgeber des Dorfes, gefertigt. Verbaut werden sie dann wieder durch die Frauen, die auch das Dach mit Gras decken. Jährliche Pflege sorgt dafür, dass solche Häuser bis zu 100 Jahre halten können.

Ein schwieriger Abschnitt bei den Erläuterungen des Alltagslebens für uns ist die Beschneidung. Zwar ist die Beschneidung von Mädchen offizell verboten, wird aber, das geben die Maasai selber zu, in den entlegeneren Orten weiterhin durchgeführt. Und entlegen sind Maasai-Orte eigentlich immer. Die Mädchen werden ihren künftigen Männern oft schon kurz nach der Geburt versprochen. So auch bei Freddy, dem im Alter von fünf Jahren schon seine spätere Frau aus Kenia zugesprochen wurde, die gerade mal ein einen Monat altes Baby war. Wie alt sie bei seiner Hochzeit mit 18 Jahren war, kann jeder selbst ausrechnen. Mit 18 werden die Männer beschnitten, wer während der Zeremonie zuckt, wird sein Leben lang als Versager betrachtet und genießt keine Achtung, erzählt uns Freddy.

Heike vor der Gnu-Hütte, die besser Pooh-Hütte heißen sollte.
Jede verheiratete Maasai-Frau erhält übrigens ein eigenes Haus für sich und ihre Kinder. Will der Mann bei einer seiner Frauen übernachten, so steckt er ein Messer über den Eingang zum Schlafraum. Die Frau schickt dann alle Kinder über 5 Jahren zu einer der anderen Frauen. Grundsätzlich muss der Mann alle Frauen gleich behandeln. Tut er das nicht, können diese sich bei den Älteren beschweren. Die nehmen ihn sich dann zur Brust, können sogar körperliche Züchtigungen aussprechen und sich bei Wiederholung auch bei den Rindern bedienen - gleiches gilt bei Verstoß gegen das Alkohol- und Rauchverbot für die unter 35-Jährigen. Das gilt als härteste Strafe, weil die Rinder für einen Maasai gleich nach den Kindern kommen.

Die Maasai-Kinder werden dazu erzogen, die Traditionen aufrecht zu erhalten. Das beinhaltet, dass die meisten von ihnen keine Schule besuchen. Freddy war eins von drei Kindern seines Vaters, die eine Schule besuchen durften. "Und wenn ich 100 Kinder habe und genug Geld, um alle auf die Schule zu schicken, ich würde nur drei oder vier schicken", sagt er. Schließlich gehe es in erster Linie darum, dass die Maasai ihre Lebensweise erhalten. Deshalb werde auch allen Maasai, die in die Städte gehen, aufgetragen, nur Dinge mitzubringen, die sich in die Kultur einfügen, und alles zu vermeiden, was sie verändert.

Aber warum gehen dann überhaupt Maasai in Städte, warum schicken sie überhaupt Kinder auf Schulen? Nun, ganz einfach, erklärt Kamani. Außer ihnen selbst spricht kaum jemand Maasai. Schon gar nicht in Behörden oder Krankenhäusern, so dass die nicht zum umgehende Teilhabe am öffentlichen Leben unmöglich ist ohne Fremdsprachenkenntnis. Und dazu zählt für die Maasai schon das hierzulande amtliche Kiswahili. Die gebildeten Kinder übernehmen also Behördengänge, übersetzen beim Arztbesuch - oder arbeiten im Tourismus.

Maasai-Tee bei der Dorfältesten.
Das Museumsdorf Olpopongi war übrigens nicht die Idee eines Touristikers, sondern der Ältesten der Dorfgemeinschaft. Die wollten nicht mehr, dass die Touristen in ihre Dörfer reisen, fanden im Deutschen Tom Kunkler, einem ausgewiesenen Kenner der Region, einen Mitstreiter, und bauten das Dorf, das 2010 eröffnet wurde. Hier kann man teilhaben am Alltagsleben, ohne es zu stören. Für uns bedeutet das im Folgenden, von der Dorfältesten - sie soll stolze 95 Jahre alt sein - einen Maasai-Tee serviert zu bekommen und wenig später, auf einen Bushwalk zu gehen. Interessant für uns war, dass Saidi, Manager des Afromaxx-Basislagers Rose Home, der mit uns nach Olpopongi reiste, genauso wenig wie wir über seine "Nachbarn" wusste. "Ich habe jetzt eine ganz andere Meinung über sie", sprach er aus, was auch wir dachten.

Hüpfende Autos? Nein, Reifenschuhe!
So witzig es ist, die Reifenspuren zu sehen, die die Maasai mit ihren Gummischuhen in den Staub treten, so interessant ist es, ihren Erklärungen zur Nutzung der Pflanzen zu folgen. Da gibt es die Dornen-Akazien, deren Früchte an den langen Hütetagen für Erfrischung sorgen, da gibt es den schon erwähnten Olpopongi-Baum, der neben Bauholz auch eine kautschukähnliche Milch liefert, mit der man sich Muster in die Haut ätzen kann. Da sind Sisalpflanzen, deren Fasern für den Hausbau Verwendung finden und deren Wurzeln im Tee Gelenkprobleme beseitigen sollen.

Da gibt es einen Baum, aus dessen Ästen man sich Zahnbürsten macht, die eine Woche lang ein antibakterielles Fluid liefern. Ein anderer Baum hat weiches Holz, das man zum Feueranmachen verwendet. Die "Warte ein bisschen"-Akazie, die so heißt, weil sie lauter kleine Dornen hat, an denen man sich verhakt und mit Geduld befreien muss, liefert mit ihrer Wurzel ein Mittel gegen Malaria, das angeblich mindestens ein halbes Jahr immun macht bzw. schon ausgebrochene Malaria heilen kann. Mehrere Rinden helfen zudem bei Magenschmerzen, und der Geruch frischer Elefantenhaufen vertreibt Kopfschmerz, sind die Maasai überzeugt.

Kamani auf dem Poohmiten-Hügel.
Zumindest Saidis Haltung ist exzellent.
Wir erfahren viel über Termiten, ihre Haufen und die Tiefenbohrungen auf der Suche nach Wasser, wissen jetzt, das die argentinischen Kakteen von den Engländern zum Abgrenzen ihrer Ländereien eingeführt wurden und haben gelernt, dass man selbst in dieser kargen Landschaft überleben kann. Zumindest, wenn man ein Maasai ist. Die trinken übrigens selbst kein Wasser, sondern Milch und Blut ihrer Rinder. Nun, auch etwas, das zeigt, wie unterschiedlich ihre Kultur gegenüber der unseren ist. Es vereint sie allerdings mit uns, dass sie sich über Pooh genauso freuen wie wir, wann immer wir ihn zum Foto herausholen. Ach so - und sie bewundern wie Saidi und ich, dass Michael den Maasai-Speer gleich beim ersten Versuch mustergültig wirft.

Sonnenuntergang in der Steppe.
Maasai am Lagerfeuer.
Zurück im Camp genießen wir den wunderschönen Sonnenuntergang über der Steppe und lernen, wie man mit Stöckchen, weichem Holz und getrocknetem Elefantenmist Feuer macht. Später gibt es Hühnchen- und Rindfleisch-Spieße vom Grill, ein Bierchen am Feuer und Gesänge der Maasai, gekrönt von einem traumhaften Sternenhimmel mit Halbmond. Die Nacht auf der harten Unterlage ist für uns alle nicht wirklich erholsam - aber auch das muss man mal mitgemacht haben. Die Sanitäranlagen im Dorf sind übrigens ausgezeichnet, es gibt sogar warmes Wasser und einen genialen Blick aus den Duschen auf die Steppe und den Mount Meru. Den genießen wir dann am Morgen beim Sonnenaufgang und erfreuen uns auch am wolkenfreien Kilimanjaro, bevor es nach dem Frühstück wieder zurück in das geht, was wir Zivilisation nennen. 



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